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1390, 14. Jh, England, Gotik, Kostüm Epoche, Mittelalter

Geoffrey Chaucer englischer Dichter und Autor des Mittelalters .

Geoffrey Chaucer, Dichter, Autor, England, Mittelalter
Geoffrey Chaucer c. 1343 – 25. Oktober 1400

Geoffrey Chaucer (c. 1343 – 25. Oktober 1400) englischer Dichter und Autor des Mittelalters.

Er gilt als der größte englische Dichter des Mittelalters und ist vor allem für die Canterbury Tales bekannt. Chaucer wurde als „Vater der englischen Literatur“ bezeichnet und war der erste Schriftsteller, der in der Poets‘ Corner der Westminster Abbey begraben wurde. Er gilt als entscheidend für die Legitimation des literarischen Gebrauchs der mittelenglischen Sprache zu einer Zeit, als die dominanten literarischen Sprachen in England noch Französisch und Latein waren.

Über Chaucers Leben haben wir erst aus der Zeit seines Mannesalters genauere Nachrichten. Gegenwärtig wird sein Geburtstag meistens als in das Jahr 1340 fallend angegeben; sein Geburtsort aber dürfte London gewesen sein. Chaucer gehörte dem ritterlichen Stande an und zwar, wie sein Name bezeugt, einer ursprünglich normannischen Familie. Seine Erziehung war die seinem Stande eigentümliche. Er besuchte wahrscheinlich die Hochschule zu Cambridge und studierte hier mit vielem Eifer die zu seiner Zeit bekannten antiken Schriftsteller. Ob er sich noch außerdem einem Brotstudium gewidmet, sei es dem der Jurisprudenz oder dem der Theologie, bleibt unentschieden. Seine Lieblingsbeschäftigung scheint das Studium der Astronomie gewesen zu sein, wofür eine unvollendet gebliebene Abhandlung über das Astrolabium, für seinen 10-jährigen Sohn Lewis, aus dem Jahre 1391 das beste Zeugnis darbietet. Auch seine Dichtungen enthalten zahlreiche Spuren astronomischer Kenntnisse.

Trotz dieser wissenschaftlichen Neigungen wählte Chaucer keinen gelehrten Beruf, sondern wurde zunächst Soldat. Er trat im Jahre 1359 in das Heer ein, machte den Feldzug Eduards III. nach Frankreich mit und wurde bei dieser Gelegenheit gefangen genommen, aber bald nach dem Frieden von Chartres und Bretigny wieder ausgelöst. Im Jahre 1369 finden wir ihn am Hofe König Eduards als Valet oder Yeoman, in welcher Stellung er zu persönlicher Dienstleistung beim König verpflichtet war. Durch das Vertrauen seines Fürsten sah er sich wiederholt mit größeren Aufträgen beehrt. Bereits im Jahre 1370 wurde er mit einem Geleitbrief über das Meer geschickt und zwei Jahre später nach Genua entsandt, um wegen der Wahl eines englischen Seehafens zu unterhandeln, in welchem die Genuesen eine Faktorei begründen sollten. In dem betreffenden Patent erscheint Chaucer als königlicher Squire; doch war mit dieser Rangerhöhung keine Aufbesserung seines Gehaltes verbunden, nur daß die Reisegelder seine Einnahmen nicht unbeträchtlich vergrösserten.

Eine weitere Verbesserung derselben erwuchs ihm durch die Ernennung zum Steuerkontroleur über die Abgaben von Wolle, Fellen, gegerbten Häuten und über die kleineren Weinzölle im Hafen von London. Nebenbei wurde er fort und fort in diplomatischen Diensten ins Ausland entsendet. Er kam bei diesen Gelegenheiten sowohl nach Flandern, als auch an den französischen Hof und nach Mailand. Nach dem Tode Eduards III. erwies ihm sein Nachfolger Richard III. dieselbe Gunst, zumal er durch seine Verschwägerung mit dem Herzog von Lancaster eine feste Stütze am Hof besaß. In seinem Wohlbefinden störte ihn erst der Wechsel des Ministeriums im Jahre 1389, welcher die Macht der Regierung und den Einfluß auf den König in die Hände des Herzogs von Cloucester legte. Bei der nun eintretenden Untersuchung über die Steuer- und Zollerhebungen verlor Chaucer sein einträgliches Amt, obgleich ihm keine Unterschlagungen nachgewiesen werden konnten. Seit dieser Zeit geriet er immer tiefer in pekuniäre Verlegenheiten, die nur für kurze Zeit gehoben wurden, als nach dem Sturze Gloucesters der Sohn seines alten Gönners sich seiner annahm und ihn zum Aufseher der königlichen Bauten machte. Indessen verlor er diesen Posten bereits im nächsen Jahre (1391) wieder und mußte sich aufs neue mit einer kleinen Pension begnügen. Ein Jahr vor seinem Tode wurde dieselbe von Heinrich Bolingbroke, dem Sohne Johanns von Lancaster, erheblich vermehrt. Chaucer starb am 25. Oktober 1400 und wurde im Poetenwinkel der Westminsterabtei beigesetzt.

Chaucer besaß eine für seine Zeit ungewöhnliche Bildung. In den Schriften des römischen Altertums war er ebenso belesen, wie in den umfassenden mittelalterlichen Sammelwerken historischen und theologischen Inhaltes. Das Französische beherrschte er vollständig und neben der Kenntnis des Flämischen hatte er sich auch eine eingehende Vertrautheit mit der italienischen Sprache und Literatur angeeignet, wobei ihm seine zahlreichen Reisen sehr zu statten kamen. Der Einfluß der großen italienischen Dichter, Dante, Petrarca und Boccaccio, zeigt sich in seinen Schöpfungen deutlich. Am meisten verdankte er dem Boccaccio, den er gleichwohl an keiner Stelle seiner Werke nennt. Zu dieser literarischen Bildung gesellte sich bei Chaucer eine überaus glückliche Beobachtungsgabe und ein frischer und fröhlicher Humor, wie er nur dem Engländer eigen zu sein pflegt.


Derselbe kommt in seinem Hauptwerk, den »Canterbury Tales,« am besten zur Geltung, welche in der auf uns gekommenen Gestalt um das Jahr 1393 vollendet waren. Wir müssen annehmen, daß Chaucer zu dem Plan dieses Werkes durch Boccaccios »Decamerone« angeregt worden ist, denn auch er umgab die einzelnen Stücke desselben mit einer Rahmenerzählung, welche von einer Wallfahrt zum Schreine des heiligen Thomas Becket nach Canterbury handelt. Während aber die Gesellschaft des »Decamerone« aus vollständig gleichartigen Elementen besteht, ist Chaucers Pilgerkreis aus ebenso viel verschiedenartigen Bestandteilen zusammengesetzt, als das mittelalterliche Leben Englands selbst. »Alle Schichten der Gesellschaft«, sagt Hertzberg, der vortreffliche Übersetzer der »Canterbury – Tales«, »sind darin vertreten, mit einziger Ausnahme der hoch über allen stehenden Nobilität: der Kirchenfürsten und der Pairs des Reiches. Der daraus erwachsende Vorteil fällt in die Augen. Der unterschiedliche Bildungsstand und Anschauungskreis der Repräsentanten aller Stände läßt allen Stilgattungen Raum, sich geltend zu machen, von der burlesken Komik des Volksschwanks bis zum andächtigen Ernst der Heiligenlegende.«

Vermutlich hatte Chaucer, schon ehe er auf den glücklichen Einfall der Verknüpfung durch die Schilderung der Wallfahrt kam, einen guten Teil seiner Erzählungen vollendet. Für einzelne derselben ist diese Vermutung sogar als Tatsache zu erweisen. Jede Erzählung entspricht aber aufs genaueste dem Charakter desjenigen, dem sie in den Mund gelegt ist. So erzählt der Ritter im höfischen Geschmack die Geschichte von »Arcitas und Palamon« im Anschluss an die »Theseidce« des Boccaccio, der Oxforder Student die der treuen und schönen Grieseldis, der in den Alten belesene Arzt die von der tugendhaften Virginia, während der Müller, der Verwalter, der Bettelbruder, der Büttel, der Kaufmann, der Schiffer und der Ablasskrämer sich durch ihre Schwänke zu überbieten suchen, von denen der eine immer toller und derber ist als der andere. Die Freuden der Sinnlichkeit werden hier mit unverhüllter Offenheit dargestellt, doch so, dass sie nicht sowohl als Sünde, als aus der allgemeinen menschlichen Narrheit hervorgegangen und durch die witzige Art des Vortrages gemildert erscheinen.

Leider hat Chaucer sein Werk nicht zu Ende geführt. Es fehlt die Heimkehr der Pilger und das als Schluß verheißene Gastmahl im »Heroldsrock«. Aber das Vollendete genügt, selbst wenn man von den zahlreichen anderen Schöpfungen Chaucers abschließt, um ihn als den bedeutendsten englischen Dichter des 14. und 15. Jahrhunderts und als einen der ersten Humoristen der Weltliteratur zu bezeichnen.

Stich von G. Vertue.

Quelle: Das Zeitalter des Humanismus und der Reformation (1300-1600). Allgemeines historisches Portraitwerk. München 1894. Verlagsanstalt für Kunst und Wissenschaft vormals Friedrich Bruckmann. Nach den besten gleichzeitigen Originalen nach Auswahl von Dr. Woldemar von Seidlitz mit biografischen Daten von Dr. H. Tillmann und Dr. H. A. Lier.

Schlagworte: Kleidung des Mittelalters, Kostüme der Gotik, Porträt
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