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1926, Deutschland, Kulturgeschichte, Niedersachsen

Die niedersächsisch-friesischen Deutschen

Brauchtum, Niedersachsen, Friesland

Oldenburger Schafstall. Sächsisches Haus in Ausbüttel. Schafertrinkhorn. Salbenbüchse. Hölzerne Schöpfkelle der Schäfer. Kesselhaken. Wocken. Kerbholz. Borsfelder Bauer. Strickender Schäfer der Lüneburger Heide. Schleife aus Flandern. 12. Steinerne Handmühle. Flechtgerät von Föhr. Sammeln des Mistes als Brennmaterial auf den nordfriesischen Inseln. Ausrufklapper. Kartoffelpflug. Bannkörbe „Immenwächter“ aus der Nienburger Gegend. Türschloß aus Holz mit Fallklötzen, aus dem Harz. Giebelzier sächsischer Häuser. Ammerländer Bleicherhütte. Mörser aus Trachytstein, von Föhr. „Heilige Taube“ – Deckenschmuck.
Lüneburger Treppenspeicher.

Die niedersächsisch-friesischen Deutschen

1. Oldenburger Schafstall.
2. Sächsisches Haus in Ausbüttel.
3. Schäfertrinkhorn.
4. Salbenbüchse.
5. Hölzerne Schöpfkelle der Schäfer.
6. Kesselhaken.
7. Wocken.
8. Kerbholz.
9 Borsfelder Bauer.
10. Strickender Schäfer der Lüneburger Heide.
11. Schleife aus Flandern.
12. Steinerne Handmühle.
13. Flechtgerät von Föhr.
14. Sammeln des Mistes als Brennmaterial auf den nordfriesischen Inseln.
15. Ausrufklapper.
16. Kartoffelpflug.
17.122 Bannkörbe „Immenwächter“ aus der Nienburger Gegend.
18. Türschloß aus Holz mit Fallklötzen, aus dem Harz.
19./20. Giebelzier sächsischer Häuser.
21. Ammerländer Bleicherhütte.
23. Mörser aus Trachytstein, von Föhr.
24. „Heilige Taube“ – Deckenschmuck.
25. Lüneburger Treppenspeicher.

Von alten Wohnformen haben sich Reste in landwirtschaftlichen Nebengebäuden erhalten, so einfache Schutzdächer in den über vieleckigem Grundriss aus Stangen errichteten, mit Gezweig und Moos gedeckten Kegelhütten der Kohlenbrenner und Holzfäller des Harzes und des Sauerlandes, in den Dachhüttentypen der oldenburgischen und lüneburgischen Schafställe. Nicht mehr aus rohem Naturholz, sondern aus einem Gefüge vom Zimmermann zugerichteter Balken bestehen die Bleicherhütten der Ammerländer Bauernhöfe – für den Wächter der auf dem Rasen bleichenden Wäsche -, sie haben ein hinten durch Bretter geschlossenes Rohrdach, die Sparren liegen in Einkerbungen eines Querholzes, das auf zwei in den Boden gerammten Pfählen ruht (Bild 2).

Eine ältere Form ist auch im fensterlosen Lüneburger Treppenspeicher (Bild 25) erhalten, der meist quer zur Achse des Haupthauses steht, weil er so von diesem aus übersehen werden kann, und die Vorräte an Fleisch, ausgedroschenem Korn, das Webegerät und ähnliches enthält. Das Wohnhaus der Niedersachsen ist das mit der Längsachse senkrecht zur Straße gestellte rechteckige Giebelhaus von dreischiffigem Grundriss, mit tief heruntergezogenem Strohdach, von der Diele durchzogen, die rechts und links Stallräume und Kammern begleiten, und die am hinteren Ende Einzelstuben oder einen quergelagerten Wohnteil abgliedert; eine spätere Verbesserung der ursprünglich ganz offenen Diele, die sich mit einem zweiflügeligen, im Türsturz meist geschnitzten großen Einfahrtstor zur Straße hin öffnet.

Die verwandten Friesen haben denselben Einheitsbau für Wirtschaft und Wohnung, nur liegt die Diele seitlich, und der Wohnteil zeichnet sich durch schärfere Abtrennung und reiche Ausgestaltung der Küche zum Wohnraum aus, während das sächsische Haus die offene Herdstelle auf der Diele d. h. auf deren durch gemusterte Kieselpflasterung von Lehmschlag der übrigen Diele geteilten „Flett“, das früher Wohn-, Eß- und Waschraum war, bevorzugt. Ungeteilte Dielen trifft man noch in abgelegenen Teilen Osthollands. Über ihr hängt, früher an reich geschnitztem Pferdekopf verziertem Eichenrahmen, dem „Feuerrehm“, der die Herdfunken vom Hausgebälk abhalten soll, der verschiebbare Kesselhaken (Bild 6), der in derselben Form im ganzen Norden bis nach Finnland und Baltikum vorkommt.

Zur ethnologischen Vergleichung von Anpassung an die Umwelt füge ich das Bild 14 von den nordfriesischen Inseln bei: Sammeln des Haustiermistes als Brennmaterial, wie es sonst in den Trockengebieten des Orients vorkommt; der Kuhmist wird Ende April auf der mit einer dünnen Lage Heu bedeckten Werft böschung gleichmäßig dick ausgebreitet, mit den Füßen geknetet und glattgeklopft, getrocknet, dann abgestochen, gewendet und in hochkant gestellten Reihen weitergetrocknet.

Das Giebeldach der Sachsen schließt an den Enden des Firstes mit einer Verzierung von geschnitzten Pferdeköpfen ab, die aus den Windbrettern herausgesägt sind und deren Bedeutung die des magischen Schutzes ist. Das Pferd war das Tier Wotans und ließ in seinem Bilde die schützende wissende Kraft und Macht der Götter selbst erleben. Ein Rest derselben Beziehungen geistiger magisch-emanierender Kräfte schaut durch die „Immenwächter oder Bannkörbe“ hindurch, Bienenkörbe, die zur Abwehr von Dieben Verzierungen in Form von holzgeschnitzten oder auf Holz gemalten Köpfen und Figuren bekommen haben.

Von der Zimmerdecke hängt die „Unruhe“ oder die heilige Taube (Bild 24), die wir auf anderen Tafeln dieses Bandes von Norden und Osten belegt wiederfinden; auch sie hat magische Bedeutung, sie vermittelt Wachstums- und Gesundheitskräfte aus dem Kosmos heraus, daß sie in Haus und Bewohner heilend, erhaltend, schaffend hineinwirken sollen. Von urtümlichem Gerät, das sich über alle Zeiten der Zivilisationsentstehung und -wandlung bis heute erhalten hat, kann die Tafel nur einige wenige Proben geben: eine steinerne Handmühle, einst für Korn, dann nur noch für Senf- und sonstige Gewürzverkleinerung gebraucht; einen Kartoffelpflug aus zwei Steinen zum Häufeln der Beete; einen Mörser aus trachytischer Lava (basaltisches Gesteinsglas), die aus dem Siebengebirge stammt, von Föhr, ein hölzernes Türschloss mit Fallklötzen, wie es im ganzen Europa und Vorderasien mit seinen Ausläufern vorkommt; Trinkhorn und Salbenbüchse aus Kuhhorn, von Schäfern gebraucht; eine hölzerne geschnitzte Schöpfkelle der Schäfer; einen geschnitzten Wockenpflock; eine Klapper, die als „Glocke“ die Gemeinde zusammenruft, Gemeindeankündigungen „ausläutet“, auch zum Vertreiben der Sperlinge aus den Feldern dient, ein Kerbholz aus zwei genau ineinander passenden Hälften, zum Nachprüfen von Fuhren und anderen Leistungen, ein Mittel, das weit über Europa und Asien verbreitet ist; eine Schleife bzw. Walze, die von Rind oder Pferd gezogen zum Befördern von Gras usw. dient; ein sog. Litzholz, ein Flechtgerät zum Herstellen von Stoßlitzen an den Kleiderröcken, das Wollgarn wird unter beständigem Drehen des Brettes um 1800 zu Maschen gelegt.

Literatur u. a.

Wolf, „Das norddeutsche Dorf“; Häberlin; „Das Brennmaterial der nordfriesischen Halligen“, in Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, Bd. 23; Linde, „Die Lüneburger Heide“; Peßler, „Niedersachsen“ , in Deutsche Volkskunst, Bd. I; Andree, „Braunschweiger Volkskunde“; Lüpkes, „Ostfriesische Volkskunde“; Häberlin, „Flechten und Weben auf Föhr und den Halligen“, in Globus, Bd. 91; Andree – Eysn, „Volkskundliches“; Peßler, „Die Abarten des altsächsischen Bauernhauses“, in Archiv für Anthropologie, Neue Folge, VIII.

Quelle: Die Völker Europas von Richard Karutz. Atlas der Völkerkunde. Herausgegeben von Prof. Dr. R. Karutz, 1926.

Schlagworte: Architektur, Bauernhof, Bauerntrachten, Folklore, Richard Karutz, Volkskunde, Volkskunst
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