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18. Jh, 1904, 20. Jh, Frankreich, Kostüm Epoche, Kulturgeschichte, Louis XV., Louis XVI, Revolution, Rokoko

Das Zeitalter des Marquis de Sade. Dühren, Studien I.

Portrait, fantaisiste, Marquis de Sade,
Phantasieporträt des Marquis de Sade. PORTRAIT FANTAISISTE DU MARQUIS DE SADE par H. BIBERSTEIN (D’après la reproduction publiée en frontispice de la Correspondance de Mme Gourdan, Edition 1866)

Dühren, Studien I. Der Marquis de Sade.

Marquis de Sade (Donatien Alphonse François de Sade, 1740-1814)

I. Das Zeitalter des Marquis de Sade.

Der Marquis de Sade, dessen Leben, Werke und Persönlichkeit wir in diesem Bande behandeln, ist durchweg ein Mensch des 18. Jahrhunderts. Zugleich ist er ein Franzose. Wir glauben aber, indem wir uns anschicken, das erste wissenschaftliche Werk in deutscher Sprache über diesen seltsamen, dem Namen nach aller Welt bekannten Mann zu schreiben, wahres Licht über ihn nur dadurch verbreiten zu können, dass wir ihn zu- nächst aus seiner Zeit, aus dem Frankreich des 18. Jahrhunderts erklären.

Die Medizin hat scheinbar ihre Meinung über den Marquis de Sade schon ausgesprochen. Aber dieses Urteil, selbst aus dem Munde der bedeutendsten Nerven- und Irrenärzte, muss ein einseitiges bleiben, solange man nicht das tut, was bisher unterblieben ist, solange nicht die äusseren Bedingungen, das Milieu erforscht werden, unter denen dieses merkwürdige Leben heranwuchs, sich bildete, seine Taten vollbrachte und seine Wirkungen ausübte.

Denn es ist jedesmal von entscheidender Bedeutung, aus welchem Jahrzehnt und Jahrhundert, von welchem Volk und Land die behandelten Tatsachen entlehnt sind. 1) Mit einem Wort: nicht die individual-psychologische, sondern nur die sozial-psychologische Auffassung kann zu einer wahren Erkenntnis der Persönlichkeit Sade’s führen.

1) Th. Achelis „Soziologie“ Leipzig 1899. S. 37.

Eine wahrhaft wissenschaftliche Beurteilung gewisser typischer Persönlichkeiten ist nur auf diesem Wege möglich, wenn auch keineswegs die Bedeutung der einzelnen Individualität als solcher verkannt werden soll.

Wir müssen uns auf Grund unserer Studien über den Marquis de Sade durchaus den Ansichten eines bedeutenden Soziologen der Gegenwart anschliessen 1), dass „das persönliche Ich nur den Gipfel und Schlusspunkt psychischer Faktoren überhaupt bildet. Schon psychiatrische Untersuchungen über die Zersetzung und Entartung unseres Ich haben diesen Gedanken nahe gelegt, dass unsere Persönlichkeit nicht den Anfang, sondern eher das Ende einer unendlich langen, in die Nacht des Unbewussten hinabreichenden psychischen Tätigkeit darstellt, die wir freilich nicht überall bis auf den letzten Ursprung hin erfassen können. Durch die Beobachtung des gesellschaftlichen Lebens und insbesondere der stetigen Wechselwirkung des Einzelnen mit der ihn umgebenden Gemeinschaft ist diese Hypothese zum Rang einer wissenschaftlich beglaubigten Tatsache erhoben. Hier ist in den allermeisten Fällen nicht vorbedachte Überlegumg und völlig freie Selbstbestimmung entscheidend, sondern gewohnheitsgemässe Anpassung, das Wirken dunkler, unbewusster Triebe und Regungen, ohne dass der Einzelne sich jederzeit der treibenden Gründe klar bewusst wird.“

1) Achelis a. a. 0. S. 73-74.

Sitten und Bräuche, rechtliche, ästhetische und religiöse Gebilde sind grösstenteils o r g a n i s c h e Entwicklungen ohne bestimmtes, zweckbewusstes Eingreifen seitens des Individuums. Unsere Gefühle und Empfindungen entspringen trotz ihres eigenartigen individuellen Charakters „aus jenen Tiefen des Unbewussten, welche der endgültigen Fixierung des Ich vorausgehen.“ Das sind aber Gedanken Hegel’s, das ist Hegel’s Lehre vom objektiven Geist, aus dem der subjektive immerwährend schöpft, und der seine eigene Entwicklung hat.

Das ist in Wahrheit die berühmte und viel verschrieene „Selbstbewegung des Begriffs“. Hegel, dieser grösste Denker des neunzehnten Jahrhunderts, wird endlich zu Ehren kommen, und es ist kein Zweifel, dass seine Lehre im 20. Jahrhundert die grössten Triumphe feiern wird.

*) Hegel. Philosophische Bibliothek, Bd.33, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1830).: Hrsg. v. Friedhelm Nicolin u. Otto Pöggeler Taschenbuch – 1. Januar 1991

Nach den Stürmen der Schopenhauer-Hartmann’schen und Nietzscheschen Philosophie wird die Sonne Hegel’schen Geistes über der Erde leuchten. Die dialektische Methode hat die neuere Geschichtswissenschaft mit den wertvollsten Ideen befruchtet und zur Höhe ihrer gegenwärtigen Entwicklung geführt, sie wird auch der Naturwissenschaft neue Impulse geben, da sie, wie sich immer mehr herausstellen wird, nirgends der Erfahrung und den Gesetzen der Natur widerstreitet. Hegel, nicht Schopenhauer, ist der „wahre und echte Thronerbe Kant’s“.

So wollen wir, in einer kurzen Formel ausgesprochen, in diesem Abschnitt die Fäden aufsuchen, welche dem subjektiven Geist des Marquis de Sade mit dem objektiven Geist seines Zeitalters verknüpfen. Er ist zugleich ein Vertreter des „ancien regime“ und der grossen französischen Revolution.

Also haben wir zu untersuchen, was Sade von seiner Zeit empfangen hat, um zu erfahren, was er ihr gegeben hat. Wir wiederholen nicht bekannte Tatsachen der französischen Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts, sondern wir erklären die Werke des Marquis de Sade aus jener Zeit, aus allen innerlichen und äusserlichen Verhältnissen des sozialen Lebens im 18. Jahrhundert.

Dühren, Studien I. Der Marquis de Sade.

Quelle:

Iwan Bloch als Eugen Dühren. Der Marquis de Sade und seine Zeit. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte des 18. Jahrhunderts. Mit besonderer Beziehung auf die Lehre von der Psychopathia sexualis. 1. Aufl. Barsdorf, Berlin 1900; Max von Harrwitz, Berlin 1904. Aufl. Barsdorf, Berlin 1900; Max von Harrwitz, Berlin 1904; 5. Aufl. Barsdorf, Berlin 1915; in Reihe: Studien zur Geschichte des menschlichen Geschlechtslebens, Bd. 1. Inges. 7 Aufl. zu Lebzeiten. Royal College of Physicians of Edinburgh.


Literatur:

Julie Mazaleigue-Labaste. Sade, “sexual perversion” and us: another history of sexuality from the end of the Enlightenment to the 21st century. (PDF en) INSEP – Journal of the International Network for Sexual Ethics & Politics, 2016, 4 (1), pp.27-37. halshs-01989406

Alyce Mahon. The Marquis de Sade and solitude. (en) June 01, 2020. Artikel in Princeton University Press. Alyce Mahon ist Dozentin für moderne und zeitgenössische Kunstgeschichte an der Universität von Cambridge. Sie ist die Autorin von Surrealism and the Politics of Eros, 1938-1968 und Eroticism and Art. Sie lebt in Cambridge, England.


Film:

Pier Paolo Pasolini (1022-1975), Salo, or the 120 Days of Sodom (Salò o le 120 giornate di Sodoma).
Buch zum Episodenfilm: Der Weichkäse (La ricotta), RoGoPaG.

Zu La ricotta sagt er: „Es ist nicht schwer vorherzusagen, dass meine Geschichte interessierte, zwiespältige und geschockte Urteile hervorrufen wird. Jedenfalls möchte ich hier erklären, dass unabhängig davon, wie La ricotta aufgefasst werden wird, die Geschichte der Passion, von der La ricotta indirekt handelt, für mich das größte Ereignis darstellt, das sich je ereignet hat und dass die Bücher, die davon berichten, das Erhabenste sind, was je geschrieben wurde.“
– Pier Paolo Pasolini (Wikipedia)

Illustration, Ornament
Schlagworte: Französische Revolution, Historische Rokoko Kostüme, Iwan Bloch, Literatur, Marquis de Sade
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